Wussten Sie schon, dass die ersten Programmierer Frauen waren?

Heute ist die IT-Branche primär männlich. Die Gründe hierfür sind vielfältig, und man ist sich nicht einig, woher der geringe Frauenanteil kommt. Fakt ist aber, dass die IT dringend mehr Fachkräfte benötigt. Mit einem Anteil von 15 % sind Frauen unterrepräsentiert. Was, wenn ich Ihnen sage, dass nach dem 2. Weltkrieg fast alle Programmierer weiblich waren? Das ist nicht ausschließlich darauf zurückzuführen, dass viele Männer während des Krieges gefallen sind. Die Arbeit in der IT lässt sich grob in die Bereiche Hardware und Software unterteilen. Heute wird die Softwareentwicklung als sehr wichtig betrachtet. Das war nicht immer so. In der Frühgeschichte des Computers (also bis in die 60er, 70er Jahre) lag das Hauptaugenmerk auf der Hardware. Die Übersetzung der Anweisungen in Maschinensprache, also Programmieren, wurde als leichte, aber unliebsame Arbeit betrachtet. So wurde die Programmiertätigkeit an Frauen delegiert. Heute denken wir bei „Programmieren“ an die Anweisung eines Computers mithilfe einer künstlichen Sprache. Wir denken an IDEs, Syntax-Highlighting und Objektorientierung. Die ersten Computer waren allerdings wesentlich rudimentärer, wenngleich ihre Programmierung enorm aufwändig und schwierig war. Die Arbeit bestand daraus, Blaupausen des Gerätes zu lesen, seine feste Verkabelung zu verstehen und dann die variable Verkabelung so anzupassen, dass der Computer die gewünschte Anweisung ausführt (ENIAC). Alternativ arbeitete man mit Lochstreifen, auf die die Anweisung übertragen werden musste. Erst in den 50er Jahren, als die Nutzung der Computer über universitäre und militärische Anwendungen hinausging, wandelte sich die Softwareentwicklung zum Männerberuf.

Hidden Figures: Katherine Johnson, Dorothy Vaughn & Mary Jackson

Diese drei Damen haben nach langer Zeit die verdiente Anerkennung im Film „Hidden Figures“ bekommen. Sie waren Mathematikerinnen und die ersten „Computer“. Computer taten genau das, was der Name besagt (engl. to compute, etw. berechnen): Berechnen, Auswertung von Daten, Erstellung von Tabellen und graphische Darstellung von Flugbahnen. Alles von Hand. Ohne Ihre Arbeit wäre die Apollo-Mission nicht möglich gewesen. Als Afroamerikanerinnen hatten die drei Damen im Langley Research Center der NACA (National Advisory Comitee of Aeronautics) einen schweren Stand. Die drei Mathematikerinnen erlernten außerdem den ersten Maschinencode des neuen IBM Computers und übernahmen dessen Programmierung.

Jede der Frauen für sich hätte einen eigenen Artikel verdient. Hier ein kurzer Abriss:

Katherine Johnson: Bereits mit 10 Jahren in der High School, mit 14 Jahren mit Stipendium auf dem College. Hier belegte sie Kurse in höherer Mathematik und war als einzige Schülerin im Fach Analytische Geometrie anzutreffen. Als 18-Jährige schloss sie ihre Studien in Mathematik und Französisch mit dem Bachelor of Science und Auszeichnung ab. Nach einigen Jahren als Lehrerin begann sie bei der NACA als „Computer“. Dorothy Vaughn: Nach dem Bachelorstudium der Mathematik angestellt bei der NACA im Langley Research Center, als eine der ersten Schwarzen. In den 60ern wurde sie „head computer“. Sie blieb ihr Leben lang in Langley. Später spezialisierte sie sich auf die Programmiersprache FORTRAN. Mary Jackson: studierte Mathematik und Physik und arbeitete nach ihrem Abschluss zunächst als Lehrerin. In den 50ern begann sie für die NACA zu arbeiten und landete im Langley Research Center.

ENIAC Women: Jean Jennings, Marlyn Wescoff, Ruth Lichterman, Betty Snyder, Frances Bilas, Kay McNulty

Der ENIAC (Electronic Numerical Integrator and Computer) war der weltweit erste digitale, Turing-vollständige Computer. Während des zweiten Weltkriegs wurde er vor allem für ballistische Tabellen und Flugbahnberechnungen verwendet. Für jede neue Anweisung mussten Programmierer ran, die genau wussten, welche Kabel wohin kamen. Hier kommen die ENIAC Women ins Spiel. Programmierung bedeutete hier vor allem, Kabel von Hand umzustecken, damit die Maschine das tat, was sie sollte. Die Frauen waren vermutlich die einzigen, die sich in dieser Tiefe mit dem Programmieren des ENIAC auskannten. Ihr Beitrag war lange unbekannt, da das Projekt top secret war. Eine junge Informatik-Studentin entdeckte ein Bild, in dem 4 Frauen mit Teilen des ENIAC posierten. Auf Nachfrage wurden sie als Models betitelt, die einfach hübsch aussehen sollten. Es kam aber heraus, dass es sich um die Programmiererinnen handelte. So konnten sie, wenn auch sehr verspätet, noch Anerkennung für ihre Arbeit erhalten.

Nachdem wir diese wegweisenden Frauen kennengelernt haben, wird es Sie nicht verwundern, dass selbst die Cosmopolitan in den 60er Jahren einen Artikel über „The Computer Girls“ veröffentlichte. In diesem Artikel wird herausgestellt, welche Möglichkeit die Anstellung als Programmiererin für junge Frauen brachte. Hierfür wurde auch Mrs. Grace Hopper interviewt. „It’s just like planning dinner. […] You have to plan ahead and schedule everything so it’s ready when you need it. Programming requires patience and the ability to handle detail. Women are ‘naturals’ at computer programming.” - Grace Hopper

Erst in den 70er Jahren, als die Softwareentwicklung an Wichtigkeit gewann, wurde der Anteil der Frauen immer weniger. Die Organisation des Berufsbildes des Programmierers brachten Eignungstests hervor, die die mathematisch-technische Eignung testen sollten. Diese Tests hatten nicht nur keinerlei wissenschaftliche Basis, sondern wurden auch genutzt, um weibliche Interessentinnen auszusieben. Nach der Schaffung von Studiengängen wurde der Uni-Abschluss zur Voraussetzung, um als Programmierer zu arbeiten. Der Anteil von 90 % Männern an den Universitäten verdrängte die Frauen aus dem Berufsbild. Wollte man als Frau dennoch Programmiererin werden, war man auf die kommerziellen Schulen angewiesen, die auch für die Ausbildung von Bürokräften zuständig waren. Im Unterschied zu den Universitäten hatten diese Schulen aber keinen Zugang zu den teuren Großrechnern und die Qualität der Lehre ließ zu wünschen übrig. Darum war eine gute Anstellung eher selten. Falls Sie dieses Thema weiter interessiert, folgen Sie den eingebetteten Hyperlinks um genauer dahinter zu steigen, wie die IT-Branche maßgeblich von Frauen mitbegründet wurde.